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22.11.2017

Schweizer Einband-Zeitläufte

Das Werkverzeichnis eines nach Ansichten von Experten „begnadeten Handwerkers“ der Schweizer Einbandgeschichte des 20. Jahrhunderts liegt jetzt vor.

„Das Buch, zu dem dem Buchbinder ein Kleid zu fertigen hat, weist den Weg zur Gestaltung des Einbandes. In diesem Sinne ist der Einband eine Synthese des Buchgehaltes. Er ist aber auch die Konkretisierung der Empfindungen, die durch das Subjektive und das Formale des Buchinhalts ausgelöst werden.“ Diese Zeilen stammen von Thorvald Henningsen (1896–1977), der nicht nur namhafter Handwerks-Buchbinder in Bern und Zürich, auch langjähriger Fachlehrer an den dortigen Kunstgewerbeschulen sowie Autor eines erstmals 1950 erschienenen, heute noch gefragten Handbuchs für Buchbinder war.

Beim Werkverzeichnis handelt es sich um eine Kooperation dreier engagierter Fachleute: Hans Burkhardt, Buchbinder und Unternehmer aus Zumikon/ZH, Prof. Mechthild Lobisch, Bildende Handwerkerin aus Gauting bei München, sowie Erich Gülland, Typograph und Buchhersteller aus Dielsdorf/ZH. Insgesamt 281 Abbildungen sind im prächtig ausgeführten Werkverzeichnis abgedruckt; es ist als Ganzleinenband in dezentem Layout und stilvoller Typographie erschienen. Eine Definition seiner Werke bringen einige Zeilen aus dem „Handbuch für Buchbinder“ nahe.

„Bei gleichbleibender Qualität der Einbände in Maroquin, Oasenziegenleder oder Pergament und reicher Ausstattung mitGoldschnitt, Seiden- oder Lederspiegeln und Vorsätzen, Steh- und Innenkantenvergoldungen, Halblederchemise und Schuber sowie der Beschränkung auf die handwerklichen Stilmittel von Lederauflage, Handvergoldung, Blinddruck und Relief ist das Einbandwerk von Thorvald Henningsen – trotz erkennbarer Ordnungsprinzipien- vom Spiel variantenreicher Erfindungen geprägt, oft rätselhaft und Fragen offen lassend. Bei aller Stilisierung oder Abstraktion des Formenvokabulars wird sein Umgang mit illustrierenden Abspielungen offensichtlich.“ Im Werk von Henningsen bildet sich ein Teil der Schweizer Einbandgeschichte des 20. Jahrhunderts ab, die im Vergleich mit Einbandkünstlern in Frankreich und im deutschsprachigen Raum ablesbar ist. Die 48 Einbände von Henningsen, der von 1946 bis 1972 in der Zürcher Napfgasse 4 seine Werkstatt betrieb, sind wichtiger Bestandteil der Sammlung Steinthal, die seit 1964 in der Zentralbibliothek Zürich ihren Platz hat.

Jeder einzelne Einband ist geprägt vom meisterlichen Können und „unermüdlicher Hingabe im Dienste der beruflichen Entwicklung“, in der Henningsen auch seine Berufung sah, denn „nicht nur des Kunden wegen muss ein Buch schön gebunden sein, sondern vielmehr noch um der Arbeit selbst willen, aus Freude am tadellosen Gestalten“. Die kostbaren Einbände nobilitieren Texte und Bilder berühmter Künstler durch erlesene Ausformung und werden damit selbst zum Werk. Sinnvolle Ergänzung von Henningsens Werkverzeichnis sind Erinnerungen von Weggefährten, die manche interessanten Details aus der Zusammenarbeit mit ihm Revue passieren lassen.

henningsen@bubu.ch

„Thorvald Henningsen, 1896–1977. Bucheinbände.“ Ein Werkverzeichnis, bearbeitet von Mechthild Lobisch und Erich Gülland, herausgegeben von Hans Burkhardt, 2017, 156 Seiten, 281 Abbildungen, Ganzleinenband, 210 mm x 280 mm, Preis: 75,- sFr., ISBN: 978-3-033-05982-5